Die Nacht war still, nur das leise Rauschen der Wellen begleitete den Rhythmus der Welt. Zwei Monde hingen am Himmel wie uralte Wächter, einer groß und silbern, der andere kleiner, blass wie ein ferner Traum. Ihr Licht legte sich wie ein Schleier über den Strand, über die Palmen, über die Hütte, deren Fenster warm glühten wie ein Herz in der Dunkelheit.
Am Wasser entlang schritt ein Wolf – groß, kraftvoll, mit Fell so grau wie Nebel. Auf seinem Rücken saß eine Gestalt in einem Kleid, rot wie flüssiges Feuer. Das Kleid war ein Aufschrei in dieser stillen Welt, ein Zeichen, dass hier etwas lebte, etwas brannte, während alles andere schlief.
Sie war nicht hier, um zu fliehen. Sie war hier, um zu suchen.
Der Wolf trug sie mühelos, seine Pfoten hinterließen kaum Spuren im feuchten Sand. Er war mehr als ein Tier – er war ein Begleiter, ein Schatten aus einer anderen Zeit. Seine Augen glühten schwach im Mondlicht, als wüssten sie Dinge, die kein Mensch je erfahren sollte.
„Bald,“ flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Der Wolf neigte den Kopf, als hätte er verstanden.
Vor ihnen lag das Meer, endlos und schwarz, doch unter den Zwillingsmonden schimmerte es wie flüssiges Glas. Die Wellen trugen Geheimnisse, und irgendwo jenseits des Horizonts wartete die Antwort, die sie suchte. Die Hütte hinter ihr war warm, sicher – aber Sicherheit war nicht das, was sie begehrte. Sie war gekommen, um die Grenze zu überschreiten, die zwischen Traum und Wirklichkeit lag.
Die Legende sprach von den Zwillingsmonden: Wenn beide zugleich am Himmel standen, öffnete sich ein Pfad, unsichtbar für die Augen derer, die nicht glaubten. Ein Pfad, der nicht über Land führte, sondern über Wasser – ein Weg aus Licht, der nur für jene erschien, die bereit waren, alles hinter sich zu lassen.
Der Wolf hielt inne. Vor ihnen begann das Meer zu leuchten, als hätte jemand eine Spur aus Sternen über die Wellen gestreut. Sie atmete tief ein, spürte das Salz, die Kühle, die Schwere der Entscheidung. Dann legte sie die Hand auf den Nacken des Wolfes.
„Jetzt,“ sagte sie.
Und sie ritten hinaus, nicht über Sand, sondern über Licht. Die Wellen trugen sie, als wären sie fest wie Stein, und die Monde spiegelten sich in ihren Augen. Hinter ihnen verblasste die Hütte, das warme Licht, die Welt, die sie kannte. Vor ihnen lag das Unbekannte – und sie fürchtete es nicht.
Denn manchmal, wenn die Nacht still ist und die Monde doppelt scheinen, beginnt die wahre Reise.
Unter den Zwillingsmonden (1)
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