Unter den Zwillingsmonden (2)

Der Pfad aus Licht führte sie hinaus, immer weiter, bis die Küste nur noch ein Schatten war. Die Wellen glitzerten wie flüssige Sterne, und die Monde spiegelten sich in jedem Tropfen, als hätten sie den Himmel auf die Erde gezogen. Der Wolf bewegte sich lautlos, seine Schritte waren sicher, als kenne er diesen Weg seit Anbeginn der Zeit.
„Wie weit noch?“ fragte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. Doch der Wolf drehte den Kopf, und in seinen Augen lag eine Antwort, die keine Worte brauchte: Bis du findest, was du suchst.
Der Wind wurde kühler, trug fremde Düfte mit sich – Salz, ja, aber auch etwas anderes, etwas Metallisches, wie der Atem einer uralten Macht. Vor ihnen begann das Meer sich zu verändern. Die Wellen wurden höher, doch sie brachen nicht. Stattdessen formten sie Bögen aus Licht, als wären sie Tore. Hinter jedem Tor schimmerte eine andere Welt: Wälder aus Glas, Städte aus Schatten, Himmel, die in Flammen standen.
Sie wusste, dass sie wählen musste. Die Legende hatte gewarnt: Der Pfad öffnet viele Türen, aber nur eine führt zu dem, was dein Herz begehrt.
Doch was begehrte sie wirklich? Freiheit? Vergessen? Oder die Wahrheit, die sie seit Jahren suchte?
Der Wolf hielt vor dem ersten Tor. Es war wie ein Spiegel, der ihr eigenes Bild zeigte – sie in Rot, auf dem Rücken des grauen Begleiters, unter den Zwillingsmonden. Aber hinter dem Spiegel lag eine Welt, in der die Monde schwarz waren und das Meer aus Feuer. Sie spürte, wie etwas in ihr flüsterte: Hier liegt Macht.
Sie schüttelte den Kopf. Macht war nicht, was sie wollte.
Das zweite Tor zeigte eine Hütte, warm und vertraut, wie die, die sie verlassen hatte. Stimmen erklangen, Lachen, das sie kannte. Ein Leben ohne Fragen, ohne Schatten. Sie spürte, wie ihr Herz kurz zitterte. Aber sie wusste: Zurückgehen war leichter als voranzugehen – und genau deshalb durfte sie es nicht tun.
Das dritte Tor war anders. Dahinter lag ein Wald, still und silbern, und in der Ferne ein Licht, das nicht von Sonne oder Mond kam. Es war ein Licht, das lebte, das atmete, das rief. Sie spürte es in ihren Knochen, in ihrem Blut.
„Dorthin,“ sagte sie leise.
Der Wolf trat durch das Tor, und die Welt veränderte sich. Der Boden war weich wie Moos, die Luft kühl und klar. Über ihnen schwebten keine Monde mehr, sondern Sterne, so nah, dass sie ihre Wärme spüren konnte. Und in der Ferne, zwischen den Bäumen, stand eine Gestalt – nicht Mensch, nicht Tier, sondern etwas dazwischen, aus Licht und Schatten geformt.
„Du hast lange gebraucht,“ sagte die Gestalt, und ihre Stimme war wie Wind in den Blättern. „Bist du bereit?“
Sie nickte, obwohl sie nicht wusste, wofür. Vielleicht für die Wahrheit. Vielleicht für das Ende. Vielleicht für den Anfang.
Der Wolf setzte sich neben sie, und für einen Moment war alles still. Dann begann der Boden unter ihren Füßen zu leuchten, und sie wusste: Die Reise war nicht vorbei. Sie hatte gerade erst begonnen.

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