Die Gestalt aus Licht und Schatten trat näher, und mit jedem Schritt schien die Welt um sie herum zu atmen. Die Bäume flüsterten, der Boden pulsierte, als wäre er lebendig. Der Wolf blieb reglos, seine Augen fixierten die Erscheinung, ohne Furcht, ohne Zweifel.
„Du hast den Pfad gewählt,“ sagte die Stimme, die wie Wind und Wasser zugleich klang. „Aber weißt du, was das bedeutet?“
Sie öffnete den Mund, um zu antworten, doch die Worte blieben in ihrer Kehle stecken. Was bedeutete es? Sie hatte die Hütte zurückgelassen, die Wärme, die Sicherheit. Sie hatte die Tore ignoriert, die Macht und Vergessen versprachen. Alles für dieses Licht, das sie rief, ohne zu erklären, warum.
„Es bedeutet,“ fuhr die Gestalt fort, „dass du nicht mehr dieselbe sein wirst. Die Monde haben dich gesehen. Der Wolf hat dich getragen. Du bist Teil des Pfades geworden.“
Die Luft vibrierte, und über ihnen erschienen die beiden Monde erneut – größer, heller, als wären sie nun in diesem Wald. Ihr Licht fiel auf die Gestalt, und für einen Augenblick erkannte sie etwas darin: Gesichter, Erinnerungen, Schatten von Leben, die sie nie gelebt hatte. Es war, als blickte sie in alle Möglichkeiten, die je existiert hatten.
„Was soll ich tun?“ fragte sie schließlich.
Die Gestalt lächelte – oder vielleicht war es nur eine Bewegung des Lichts. „Folge dem Wolf. Er kennt den letzten Schritt.“
Der Wolf erhob sich und ging tiefer in den Wald. Sie folgte, das rote Kleid streifte die silbernen Blätter, die unter ihren Fingern wie Glas klangen. Der Weg führte zu einer Lichtung, auf der ein See lag – still, vollkommen rund, wie ein Auge, das in den Himmel blickte. In seiner Mitte spiegelten sich die Monde, und zwischen ihnen schwebte ein Tor aus reinem Licht.
„Das ist der Übergang,“ sagte die Stimme, die nun aus dem See selbst zu kommen schien. „Dahinter liegt nicht eine Welt, sondern alle Welten. Du wirst nicht zurückkehren.“
Sie sah den Wolf an. Seine Augen waren ruhig, wissend. Sie legte die Hand auf seinen Nacken, spürte die Wärme, die Kraft. Dann trat sie vor, bis ihre Füße das Wasser berührten. Es war nicht kalt. Es war wie Licht, das sie umhüllte.
„Bist du bereit?“ fragte die Stimme ein letztes Mal.
Sie schloss die Augen. „Ja.“
Das Licht brach auf, und die Welt verschwand. Die Zwillingsmonde glühten ein letztes Mal, bevor sie sich in der Unendlichkeit verloren. Und irgendwo, jenseits aller Grenzen, begann eine neue Geschichte – eine, die niemand je erzählen würde.
Unter den Zwillingsmonden (3)
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